Rede des Bundespräsidenten zur Eröffnung der APRC Perth 2017

Bundespräsident Steinmeier APRC Bild vergrößern (© Bundespresseamt/ Jesco Denzel)

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier
zur Eröffnung der Asia-Pacific Regional Conference
am 4. November 2017
in Perth/Australien

Haben Sie vielen Dank für die herzliche Begrüßung – und für die freundliche Einladung zu dieser Konferenz. Es ist mir eine Freude, heute zu Ihnen zu sprechen – nicht zuletzt, weil dieser Besuch in Perth der erste überhaupt auf dem australischen Kontinent für mich ist.

In Australien zu sein, fühlt sich für mich an, als würde ich einen guten alten „mate“ besuchen, wie man bei Ihnen sagt – einen Freund, den ich schon lange kenne, der allerdings ein paar Ecken weiter entfernt wohnt.

Lassen Sie mich deshalb gleich zu Anfang betonen, wie froh ich über die engen Beziehungen bin, die unsere beiden Länder miteinander pflegen. Meine lieben australischen Freunde, im Namen aller meiner heute hier anwesenden Landsleute sage ich danke, dass wir heute hier sein dürfen.

Herr Minister Cormann, Ihre Initiative, diese Asiatisch-Pazifische Regionalkonferenz (APRC) auszurichten, sendet ein starkes Signal der Partnerschaft und Zusammenarbeit in die gesamte Region und über sieben Zeitzonen hinweg bis nach Berlin und München, nach Frankfurt und Hamburg.

Das Ergebnis ist wahrhaft eindrucksvoll und die Liste der heute hier Anwesenden unterstreicht das. Sie bezeugt die Bedeutung der Konferenz und auch der harten Vorbereitungsarbeit, die die Deutsch-Australische Industrie- und Handelskammer sowie die Deutschen Industrie- und Handelskammern geleistet haben. Sie wirft aber auch ein Schlaglicht auf die erfolgreiche Tätigkeit der Deutsch-Australischen Beratergruppe in den vergangenen Jahren. Ich danke allen, die ihre Zeit geopfert und ihr Fachwissen eingebracht haben, um diese Konferenz Wirklichkeit werden zu lassen.

Ich freue mich sehr, dass wir heute Premierminister Turnbull und Außenministerin Bishop, aber auch die Gouverneurin und der Premier von Westaustralien sowie Frau Staatsministerin Böhmer aus Deutschland unter uns haben – um nur einige der vielen hochrangigen Persönlichkeiten in diesem Saal zu nennen. Meinen Glückwunsch zu dieser Gästeliste.

Und ich möchte nicht zuletzt auch die vielen bedeutenden Geschäftsleute und Vorstandsmitglieder ganz besonders herzlich begrüßen, die aus Deutschland, aus allen Teilen Australiens und aus dem gesamten asiatisch-pazifischen Raum hierher angereist sind. Ich hoffe, diese Konferenz verläuft für Sie alle sehr erfolgreich, und wünsche Ihnen für die nächsten zwei Tage gutes Gelingen. Sie sind mit Sicherheit zur rechten Zeit am richtigen Ort.

Gestern, als wir von unserem Flugzeug aus den allerersten Blick auf den australischen Kontinent erhaschen konnten, da staunten wir nicht schlecht: tiefblaues Meer, endlose Strände, ein wolkenloser Horizont – und einem von uns entfuhr es: „märchenhaft“.

Viele Deutsche vor uns hat es bereits angezogen, Australien, „land of plenty“. Und wer würde nicht gern in einem Märchenland leben? Die deutsche Kultur ist reich an solchen romantischen Träumen. Unser Schloss Neuschwanstein vor seiner dramatischen Alpenkulisse in Bayern gilt als Sinnbild der deutschen Romantik. Jährlich besuchen es 1,3 Millionen Touristen, viele davon kommen aus dem asiatisch-pazifischen Raum.

Man kann wohl festhalten: Die Sprache der Märchen ist universell. Überall auf der Welt, vom deutschen Schwarzwald bis zum australischen Outback, wird sie gesprochen. Und Sie werden mir sicher zustimmen, dass es wichtig ist, zu träumen, sich auszumalen, wie eine bessere Welt aussehen könnte, und wie man sie erreicht.

Doch die Welt von heute ist kein Märchenort. Sogar hartgesottene Politiker und Manager haben in diesen Zeiten Mühe, die Abendnachrichten gelassen anzuschauen:

Da sehen wir autoritäre Herrscher mit immer größerem Selbstbewusstsein auf der Weltbühne agieren, die Wohlstand und Sicherheit versprechen, aber Freiheit und Demokratie verweigern.

Da sehen wir, wie regionale Mächte ihre Stärke demonstrieren und dabei kleinere Länder einschüchtern und die territoriale Unversehrtheit ihrer unmittelbaren Nachbarn verletzen.

Da sehen wir, wie aggressive Diktatoren mit den Schrecken eines Atomkriegs drohen und sich einem substanziellen Dialog entziehen.

Da sehen wir mit Waffengewalt ausgetragene Konflikte und abscheuliche Terroranschläge – nicht nur im Krisenbogen von Nordafrika über Syrien bis in den Irak, sondern auch in Teilen unserer eigenen Regionen, also in Europa und im asiatisch-pazifischen Raum.

Und damit nicht genug, nein: Wir müssen auch noch die Folgen der Umweltzerstörung und des Klimawandels mitansehen – Naturkatastrophen, Hungersnöte und Massenflucht.

In Anbetracht all dessen sagen manche: „Lasst uns die Zugbrücke hochziehen“ und „lasst uns den Graben fluten“. „Wir müssen uns besser schützen“, so sagen sie, „und uns hinter dicken Burgmauern verschanzen.“ Hierfür lassen sich viele Beispiele anführen:

Wenn der Staat, der Deutschland nach 1945 half, wieder in die freie Welt, zu Offenheit und Demokratie zurückzukehren, jetzt damit beginnt, sich aus bewährten internationalen Institutionen und Verhandlungen über Freihandelsverträge zurückzuziehen und neue Handelshemmnisse zu errichten.

Wenn die Europäische Union, das erfolgreichste Friedens- und Wohlstandsprojekt, das jemals auf meinem Kontinent existierte, einen seiner größten Mitgliedstaaten verliert.

Und wenn diejenigen, die den Wert offener Gesellschaften und die Bedeutung des Dialogs zwischen den Kulturen anzweifeln, in den freiheitlichen Demokratien einen immer größeren Anteil der Wählerstimmen erringen.

Der König von Bayern baute sein berühmtes Märchenschloss Neuschwanstein einzig und allein aus einem Grund, um sich aus einer feindlichen Welt zurückzuziehen – weil er es nicht ertrug, sich mit ihr auseinanderzusetzen. Aber Sie wissen genauso gut wie ich: Uns abzuschotten wird kein einziges der genannten Probleme lösen. Wir können uns nicht einfach aus der Welt zurückziehen, nicht einmal Könige können das. Viele von Ihnen wissen vermutlich, dass die Geschichte König Ludwigs kein gutes Ende nahm. Er ging sich selbst gänzlich verloren, verlor auch sein Paradies – und schließlich sein Leben.

Meine Botschaft ist, dass wir einen anderen Weg wählen sollten. Und wenn ich heute einen Wunsch an Sie frei hätte, wäre es dieser: Lassen Sie uns nicht den Rückzug aus der Welt antreten. Lassen Sie uns denen widerstehen, die sagen, dass Mauern und Schlagbäume die Lösung sind. Lassen Sie uns stark bleiben in unserem Glauben an Offenheit und Dialog und lassen Sie uns diese Botschaft verbreiten, wo immer wir können.

Ich möchte heute an Sie als Führungskräfte der Wirtschaft appellieren, Ihre Stimmen zu erheben: Wir brauchen Ihr Engagement nicht nur in Vorstandssitzungen und auf dem Börsenparkett, sondern auch in dieser politischen Debatte – für eine offene und friedliche Welt, und für die internationalen Institutionen, die eine solche Welt erst möglich machen.

Glücklicherweise sind Australier und Deutsche natürliche Verbündete in diesem Bemühen. Wir teilen viele Werte und verfolgen gemeinsame Ziele und dies aus guten Gründen:

Wir, unsere beiden Länder Deutschland und Australien, treten für Demokratie, sozialen Zusammenhalt und Rechtsstaatlichkeit ein.

Wir sind in Europa und im asiatisch-pazifischen Raum Drehscheiben für den Handel und wir pflegen enge kulturelle und wirtschaftliche Beziehungen zu unseren Nachbarn.

Wir treten für offenen, freien und fairen Handel ein und unsere Volkswirtschaften ergänzen einander gut.

Wir unterhalten verlässliche bilaterale Beziehungen in den Bereichen Bildung und Forschung und beim zivilgesellschaftlichen Austausch.

Und wir sind gemeinsam entschlossen, den Terrorismus zu bekämpfen und eine stabile, regelbasierte internationale Ordnung zu bewahren.

Heutzutage sind Länder wie Australien, Deutschland und andere gleichgesinnte Partner immer stärker gefordert, die in der internationalen Politik entstandenen Defizite auszugleichen. Wir sind aufgerufen, uns für den konstruktiven Multilateralismus starkzumachen und sicherzustellen, dass er seine Erfolgsgeschichte fortsetzt. Wir sollten unsere Botschaft der Zusammenarbeit mit Selbstvertrauen verkünden – denn ihr praktischer Erfolg gibt uns ja Recht. Ich möchte hier nur zwei Beispiele nennen:

Es ist uns gelungen, die Ziele der Vereinten Nationen für Nachhaltige Entwicklung zu verabschieden, die Sustainable Development Goals, in denen wir zum ersten Mal Frieden und Wohlstand, Umwelt- und Klimaschutz in einer allumfassenden globalen Agenda zusammengeführt haben.

Und wir haben das Pariser Klimaschutzübereinkommen ratifiziert, das die internationale Gemeinschaft in diesem Monat trotz aller Rückschläge weiter umsetzen wird, wenn wir in ein paar Tagen bei den Vereinten Nationen in Bonn zur COP 23 zusammenkommen.

Wir brauchen mehr solcher Erfolgsgeschichten – und Deutschland und Australien machen sich an vorderster Front hierfür stark: in unserer bilateralen Arbeit im 2+2-Format, in unserer Zusammenarbeit im Rahmen der Welthandelsorganisation, der G20, der Vereinten Nationen und regionaler Organisationen – und nicht zuletzt in unseren gemeinsamen Bemühungen um den Abschluss eines Freihandelsabkommens zwischen Australien und der Europäischen Union. Ich trete für Handelsabkommen ein, die die Grundsätze des Freihandels wahren, aber auch unsere sozialen und arbeitsrechtlichen Standards und die unsere natürlichen Ressourcen schützen. Solche Handelsabkommen sind mehr als nur Wegbereiter für Wirtschaftswachstum und Wohlstand – sie können auch dazu beitragen, die Globalisierung fairer und friedlicher zu gestalten.

Freier und fairer Handel ist kein Garant für Frieden und Wohlstand, aber er kann Menschen über Ländergrenzen hinweg miteinander in Austausch bringen und jeder Spielart von Nationalismus etwas entgegensetzen – denn offener Handel lässt uns begreifen, wie sehr wir aufeinander angewiesen sind. Und wenn ich heute in Ihre Gesichter schaue, bin ich zuversichtlich, dass die Wirtschaft bei der Verbreitung dieser Botschaft ein starker Partner bleiben wird.

Für mich und meine Delegation ist diese Australienreise ein seit Langem ausstehender Besuch bei Freunden in der Ferne. Bei Freunden, die zwar auf der anderen Seite der Weltkugel leben, denen wir uns aber dennoch eng verbunden fühlen. Eine Hoffnung, die ich auf dieser Reise hege, ist, aus den Erfahrungen Australiens etwas lernen zu können. Ich würde mir wünschen, dass wir unsere Erfahrungen zu jenen Fragen austauschen, die unsere beiden Länder und auch unsere Regionen Europa und der Asien-Pazifik-Raum gleichermaßen betreffen.

Nehmen wir zum Beispiel die Frage der Zuwanderung, die in meinem Land vor allem in den vergangenen zwei Jahren zu einem vieldiskutierten Thema geworden ist. Mehr als eine halbe Million Flüchtlinge allein aus dem vom Krieg zerrissenen Syrien haben in unserem Land Aufnahme gefunden, seit der Bürgerkrieg dort ausbrach.

All diesen Menschen Zuflucht zu gewähren, hat unser Land vor eine enorme Herausforderung gestellt, und das gilt für den gesamten Staat, von der Bundesregierung bis hin zu den Kommunalbehörden und der Zivilgesellschaft vor Ort. Und die wirkliche Debatte über die notwendigen Regeln für künftige Migrationspolitik hat gerade erst begonnen. Ich bin gespannt darauf, mehr über die australische Diskussion über diese Frage zu erfahren. Gerade weil ich weiß, dass das hier nicht immer ein einfaches Thema ist – genauso wenig wie bei uns. Unseren beiden Ländern stellt sich am Ende die schwierige Aufgabe, die Wirklichkeit der Welt und die Möglichkeiten unseres jeweiligen Landes überein zu bringen.

Ich freue mich darüber, dass ich mit meinem Wunsch, hierherzukommen und etwas zu lernen, ganz und gar nicht allein bin. In diesem Saal sehe ich heute mit Freude viele junge Unternehmensgründer aus Deutschland. Wir haben auch einige Fachleute zum Thema Industrie 4.0 mitgebracht. Und morgen werde ich eine Gruppe junger Deutscher treffen, die sich hier im Rahmen von „Work and Travel“ aufhalten. Für sie, wie für viele andere Deutsche, ist Australien das Land ihrer Träume.

Meine Damen und Herren, wie ich bereits sagte: Sie sind zur rechten Zeit am richtigen Ort.

Ich kann mir keinen besseren Ort vorstellen: für Erfahrungsaustausch, für den gemeinsamen Blick auf eine sich rasant wandelnde Architektur der internationalen Politik und des internationalen Handels - und für das Erarbeiten gemeinsamer Lösungen und der Bedingungen für eine noch engere Zusammenarbeit in der Zukunft. In den nächsten zwei Tagen werden Sie über ein beeindruckendes Spektrum von Themen diskutieren: vom regionalen und weltweiten Handel über die Verbreitung digitaler Technologien und die Cybersicherheit bis hin zu Energie und Landwirtschaft, Bildung und städtischer Mobilität.

Ich kann nur sagen: Packen wir’s an, und zwar alle – auf Konferenzen, im täglichen Geschäftsleben, in unseren demokratisch gewählten Regierungen und in der Zivilgesellschaft beider Länder.

Jeder Schritt, den wir machen, um die Menschen der Welt miteinander in Verbindung zu bringen, wirkt der trügerischen Verlockung des Protektionismus entgegen.

Jede Debatte, auch wenn sie einmal kontrovers geführt werden muss, kann uns einander näherbringen.

Und noch die kleinste Idee, die dazu beiträgt, das Leben der Menschen zu verbessern, kann denen Hoffnung geben, die Angst vor der Zukunft haben.

Die Welt, in der wir leben, ist ganz gewiss nicht märchenhaft. Aber der Rückzug hinter den Burgwall bringt uns keinen Schritt weiter. Nur wenn wir uns mit der Welt auseinandersetzen, so wie sie ist, können wir damit beginnen, sie sicherer und besser zu machen. Und das werden Sie, so hoffe ich, hier tun.

Vielen Dank und ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Konferenz.

Eröffnungsrede des Bundespräsidenten zur APRC [pdf, 185.66k]